Gross National Happiness

von Sonja Zausch, Anthropoi Bundesverband und Franz-Ferdinand Kress, HCDN

Haben Sie den Begriff schon einmal gehört: Brutto-National-Glück?
Nein, eben nicht: Brutto-Inlands-Produkt, sondern: Brutto-National-Glück.
Brutto-National-Glück ist eine andere Art und Weise, unseren Reichtum in der Welt zu messen.
Wir verwenden den Begriff oft in seiner englischen Form “Gross-National-Happiness” (GNH).

Woher stammt das Konzept „Gross-National-Happiness“?
Zu den Ursprüngen von GNH gibt es - nach unserer Recherche - unterschiedliche Darstellungen. Wir stellen nachfolgend beide kurz dar…
In einfacher Sprache ausgedrückt: Es war einmal ein sehr junger König in einem kleinen Land im Himalaya-Gebiet zwischen China und Indien. Das Land heißt Bhutan. Der König wurde sehr jung (schon mit 17) König. Er war weise genug zu wissen, dass er nicht weiß. In der Folge reiste er drei Jahre lang durch sein Land und befragte die Menschen, was Sie sich von ihm wünschen, was ihre Sorgen, Ängste und Freuden sind. Er stellte fest, dass die individuellen Bedürfnisse sehr unterschiedlich sind. Aber er stellte auch fest, dass die Menschen in Bhutan ein Wunsch verband: Sie alle wollten glücklich und zufrieden sein.
Also erklärte er das Glück der Bevölkerung zum Hauptziel seiner Regierungstätigkeit. Nun ist das eine nette Idee – aber die Frage, vor der er nun stand, war die nach der konkreten Umsetzung. Das war ein langer Weg, der in den 70er Jahren seinen Anfang nahm und lange Zeit eine interne Angelegenheit war. Oft wurde die Idee auch belächelt und nicht ernst genommen. Dies änderte sich im Jahr 2011, als die königliche Regierung von Bhutan eine Resolution an die UNO einreichte. Sie hieß „Glück und Wohlbefinden als neues Entwicklungsparadigma.“
Die andere Geschichte geht so: Der Begriff Gross National Happiness geht auf Sicco Mansholt zurück, der als Europäischer Kommissar für Landwirtschaft in einem Brief 1972 an den damaligen Kommissionspräsidenten eine Alternative zum Bruttoinlandsprodukt anregte und die Bezeichnung „Bonheur National Brut“ übersetzt „Gross National Happiness“ vorschlug. Im Jahr 2005 veröffentlichte Med Jones vom International Institute of Management den ersten Gross National Wellbeing and Happiness Index. Dieser GNH-Index bestand aus quantitativen und qualitativen Aspekten. Bhutan war dann das erste Land, das 2008 in seiner Verfassung GNH als staatliches Prinzip verankerte und seit dieser Zeit seine Entwicklung anhand des GNH-Index (und nicht anhand des GDP-Index) steuert. Mit seiner Resolution 65/309 haben die Vereinten Nationen im Jahr 2011 dem GNH-Konzept zu internationaler Geltung verholfen.

Wie dem auch sei…entscheidend ist für uns der konzeptionelle Ansatz des Brutto-National Glück und sein Beitrag für eine neue Denk- und Verhaltensweise der entscheidende Aspekt.   

Was ist das Besondere an am Konzept „Gross-National-Happiness“? Und was ist Glück?
Aktuell besteht eine Fixierung in fast allen Ländern dieser Erde auf das Bruttoinlandsprodukt (BIP) . Das Bruttoinlandsprodukt stellt den Wert aller Güter und Dienstleistungen dar, die in einem Land erwirtschaftet wurden - unabhängig davon, ob diese eine positive oder negative Wirkung haben. So fließt die Produktion von Waffen, ungesunder Ernährung, usw. in das BIP ein. Nicht berücksichtigt werden andererseits z. Bsp. häusliche Kindererziehung und Pflege, ehrenamtliche Arbeit und negative Auswirkungen wie Umweltverschmutzung. Bereits 1968 stellte Robert Kennedy während der Kandidatur zum Präsidentenamt in einer Rede fest, dass das Bruttoinlandsprodukt eigentlich alles misst, außer dem, was das Leben lebenswert macht.
Brutto-National-Glück / GNH reduziert gesellschaftliche Entwicklung nicht auf unbegrenztes wirtschaftliches Wachstum, wie es das Bruttoinlandsproduktforciert. Wir leben in einer begrenzten Welt. Deshalb kann es auch Wachstum nur innerhalb dieser Grenzen geben. Deshalb stellt „Brutto-National-Glück / GNH“ die Entwicklung des Menschen in den Mittelpunkt und zielt darauf ab, Bedingungen zu schaffen, die es jedem Menschen ermöglichen, glücklich zu sein.
Glück bedeutet im Kontext des Brutto-National-Glück / GNH, die inneren und äußeren Bedingungen für ein sinnerfülltes Leben zu schaffen, ohne Leid anderer, bei sozialer Gerechtigkeit und nachhaltiger Wirtschaftsweise in Harmonie mit der Natur.

Wie ist das Konzept Brutto-National-Glück / GNH - wie es in Bhutan Anwendung findet - aufgebaut?
Es ruht auf vier Säulen bzw. Grundüberzeugungen:
- Schutz der Umwelt und Bewahrung der Natur
- Nachhaltige und gerechte Entwicklung der Gesellschaft und Wirtschaft
- Bewahrung und Förderung der Kultur
- Gute Steuerung des Gemeinwesens
Um als echtes Bewertungsinstrument eingesetzt werden zu können, wurden in Bhutan Indikatoren entwickelt, die neun Domänen zugeordnet sind.
Hinweis: letztlich geht es um eine ganzheitliche Messung des gesellschaftlichen Wohlbefindens in einem Land, einer Firma, einer Familie oder ganz persönlich - die Anzahl der Domänen und Indikatoren kann also variieren.
Das sind die neun Domänen wie sie in Bhutan verwendet werden:
- Psychisches Wohlbefinden / Psychological Wellbeing
- Gesundheit / Health
- Gebrauch der Zeit / Time use
- Bildung / Education
- Kulturelle Vielfalt und Widerstandskraft / Cultural diversity & resilience
- Lebendige Gemeinschaft / Community vitality
- Gute Führung / Good Governance
- Ökologische Vielfalt und Widerstandskraft / Ecological  diversity  and  resilience
- Lebensstandard / Living standards
Jede Domäne beinhaltet unterschiedlich gewichtete Indikatoren, deren Ausprägung in Befragungen erhoben wird. Die Domänen fließen dann gleichgewichtet in den GNH-Index-Wert ein.